„we have a dream“ - So könnten wir als ökumenische Kirchen in der Gropiusstadt unser Bestreben und Herzensanliegen als christliche Gemeinden in der Gropiusstadt ausdrücken, um zu einem gelingenden Miteinander zu kommen. Wie bereits in den Juniausgaben unserer Gemeindebriefe berichtet, findet dies vielfältig statt. Umso wichtiger ist es gerade in dieser Zeit, dass wir uns die berühmte Rede von Martin Luther King am 28. August 1963, nicht nur in Erinnerung rufen, sondern auch die Aktualität des immer noch schwelenden Rassismus vor Augen führen. Pfarrer Ulli Helm, jahrelang als Pfarrer in der ev. Kirchengemeinde in der Gropiusstadt tätig - jetzt im Ruhestand - schreibt dazu:

Rassismus in den USA 57 Jahre nach Martin Luther Kings Rede,

„Ich habe einen Traum“

 

Als am 28. August 1963 der große Marsch auf Washington mit Hunderttausenden schwarzer und weißer Teilnehmender seinen Zielort erreichte, da war das große gemeinsame Ziel des Kampfes für Bürgerrechte die Herstellung von Gerechtigkeit und Gleichheit für die Menschen aller Hautfarben.

Hinter dieser Sehnsucht und den Forderungen stand ein ganzes Zeitalter von Sklaverei und zum Himmel schreiendem Leid, von Rassismus, Diskriminierung und immer wieder gewalttätiger Exzesse gegen schwarze Menschen. Zum anderen aber stand dahinter das große Versprechen, dass dieses Amerika ein Land der Freiheit und der Demokratie für alle seine Bürger sein sollte.

An dieses Versprechen knüpft Martin Luther King an diesem Tag in seiner wohl berühmtesten Rede bei der großen Kundgebung vor dem Lincoln-Memorial an. Er trifft die Erfahrung seiner schwarzen Landsleute genau: „… der Schwarze (ist) noch immer hingeworfen in die Ecken der Amerikanischen Gesellschaft und erkennt, dass er in seinem eigenen Land im Exil lebt.“

Der Traum, von dem King nun spricht, ist der Traum, den das amerikanische Versprechen in die Herzen der Menschen gepflanzt hat – der Traum von Gerechtigkeit und Frieden, von der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und von der Achtung der Würde eines jeden einzelnen. Es ist der Traum von dem Tag, „an dem sich kleine schwarze Jungen und Mädchen und kleine weiße Jungen und Mädchen die Hände als Brüder und Schwestern reichen können.“

Tatsächlich hat die damalige Bürgerrechtsbewegung viel erreicht, doch 5 Jahre später war Martin Luther King tot. Ermordet mitten in einer politischen Kampagne. 2009 wurde der erste schwarze Präsident vereidigt, doch das große Übel des Rassismus lebt bis heute fort.

Im Jahr 2020 erleben die USA den größten Aufstand und die gewalttätigsten Unruhen seit Jahrzehnten; und ihre Ursache ist, wie es Martin Luther King auch in dieser Situation sicherlich wieder formuliert hätte, der teuflische Rassismus. Anders ist der Totschlag des US-Bürgers George Floyd durch Polizeigewalt nicht zu erklären. Und was bisher ganz undenkbar schien: die eigene Regierung und der Präsident selbst lassen sich dazu hinreißen, die Gewalt noch anzuheizen und die Gesellschaft zu spalten.

Die Welt scheint nicht weit genug gekommen zu sein in der Überwindung von Rassismus und Gewalt – weder in den USA noch in Europa und auch nicht bei uns in Deutschland. Darum bleiben die Worte Martin Luther Kings für die gesamte zivilisierte Welt jeden Tag gültige Sehnsucht: jetzt ist die Zeit, um Gerechtigkeit zu einer Wirklichkeit für alle Kinder Gottes zu machen. Diese Zeit ist immer. Auch im Sommer 2020.

Pfarrer i.R. Ulrich Helm

 

„Nehmt euer Knie von unseren Nacken!“

Zur Situation in den USA

„Get your knee off our necks!“ Das forderte Reverend Al Sharpton bei seiner Trauerrede für George Floyd die weißen USBürger auf. Acht Minuten und 46 Sekunden kniete ein weißer Polizeibeamter auf George Floyds Nacken und drückte ihm die Kehle zu. Zwei Kollegen halfen ihm, Floyd festzuhalten. Acht Minuten lang bat der, ihn loszulassen, er könne nicht atmen, er würde sterben. Zum Schluss rief er nach seiner Mutter. Aber die Polizisten ließen erst los, als George Floyd tot war – getötet weil er mit einem gefälschten 20-Dollar-Schein bezahlt haben soll. 57 Jahre nach Martin Luther Kings Rede „I Have a Dream“ wird einmal mehr deutlich, wie tief der Rassismus in den USA verwurzelt ist. Das hat mit verschiedenen Aspekten zu tun. Einer davon ist die Polizeigewalt.

Rassismus und Polizeigewalt

Im vergangenen Jahr wurden laut der Rechercheplattform mappingpoliceviolence. org 1.099 Menschen in den USA von Polizisten getötet, davon waren 31 Prozent Afroamerikaner, obwohl sie nur 13 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Allein 2014 gab es mehrere Fälle, die (welt-weite Aufmerksamkeit erregten: Im Juli starb der Afroamerikaner Eric Garner, nachdem er von einem Polizisten in den Würgegriff genommen worden war. Im August wurde Michael Brown in Ferguson von einem weißen Polizisten erschossen und im November des gleichen Jahres in Cleveland der 12-jährige Tamir Rice. Alle Polizisten wurden später von Geschworenen freigesprochen. Dass so viele Afroamerikaner von Polizisten erschossen werden, hat auch seinen Grund in der Ausbildung der Polizei in den USA. Sie dauert durchschnittlich 19 Wochen. Im Bundesstaat Indiana wird man auch ohne Ausbildung in den Dienst geschickt, man kann sie dann nachholen. Für Themen wie „Schlichtung und Konfliktmanagement“ bleibt kaum Zeit. Bei der deutschen Polizei ist der Schusswaffengebrauch das letzte Mittel. In den USA dürfen Polizisten zur Waffe greifen, sobald es ihnen angemessen erscheint. In Kursen werden sie wie Soldaten trainiert, die in den Krieg ziehen, wobei das „Schlachtfeld“ meist die Armenviertel der Großstädte sind. In etlichen Bundesstaaten werden die Polizisten von Ausbildern der israelischen Armee „im Umgang mit Feinden“ geschult. Und es gibt Ausbilder wie David Grossmann, der in seinen Kursen mit Titeln wie „Bulletproof Mind“ (der kugelsichere Verstand) seit 20 Jahren Polizisten beibringt, dass sie sich im Krieg befinden, in dem sie die Frontkämpfer sind. In einem Interview mit dem Sender PBS sagte er 2005: „Töten ist nicht das Ziel, aber uns allen ist klar, dass es das wahrscheinliche Ergebnis ist.

„Stop and frisk“

Ein weiterer Aspekt ist die „stop-and-frisk“- Taktik, die der Polizei ein grundloses Anhalten und Durchsuchen von Menschen erlaubt. In New York wurde diese Taktik besonders unter den Bürgermeistern Rudy Giuliani und Michael Blumberg durchgeführt. 2011 gab es über 685.000 solcher „stop-and-frisk“-Fälle. 90% der Durchsuchten waren Afroamerikaner oder Latinos, obwohl sie nur 54% der Bevölkerung New Yorks ausmachen. Laut Statistik führten 88% zu keiner strafrechtlichen Verfolgung. Sie waren also nicht nur grundlos, sondern blieben größtenteils auch ergebnislos. Aber sie waren ein weiterer Hinweis auf eine von rassistischen Vorurteilen geprägten Vorgehensweise der New Yorker Polizei. Seit 2013 darf „stop-and-frisk“ dort nur noch in begründeten Fällen durchgeführt werden.

Rassismus und Gewalt in der Sprache

Wie sehr die Sprache der Gewalt und des Rassismus die derzeitige US-Regierung beherrscht, wurde in den letzten Tagen deutlich. Präsident Trump drohte „wenn Plünderungen anfangen, wird geschossen“. Genauso hatte der Polizeichef von Miami 1968 auf die Unruhen nach Martin Luther Kings Ermordung reagiert. Trump erklärte, sein Sicherheitsdienst halte „die bösartigsten Hunde“ bereit, falls sich Demonstranten dem Weißen Haus näherten – eine deutliche Referenz an Bull Connor, Polizeichef von Birmingham, der 1963 Hunde auf Demonstranten hetzte (siehe Foto). Und er und sein Verteidigungsminister sprachen von Demonstrationen als einem „Schlachtfeld“, dass man „beherrschen“ müsse. „Get your knee off our necks!“ Mit dieser Forderung kündigte Rev. Al Sharpton auch einen neuen „Marsch auf Washington“ an, um gegen den Rassismus zu demonstrieren. Er soll am 28. August stattfinden, 57 Jahre nach Martin Luther Kings Rede „I Have a Dream“.

Pfarrer Andreas Schiel

 

 

„Wenn du nicht schwarz wärst, wärst du vielleicht noch am Leben“

Zur Situation in den USA

 

Trevor Noah, schwarzer TV-Moderator aus Südafrika, hat am 15. Juni in seiner „Daily Show“ im amerikanischen Fernsehen einen Kommentar zum Tod des Afroamerikaners Rayshard Brooks gesendet. Dieser war betrunken am Steuer in seinem Auto auf der Auffahrt zu einem Wendy’s  Restaurant in Atlanta eingeschlafen. Er wurde von zwei weißen Polizisten aus dem Auto geholt und über 30 Minuten lang verhört. Das Verhör lief ohne Zwischenfälle ab, wie das Video zeigt, das von dem Zwischenfall gedreht wurde. Brooks bot an, zu seiner Schwester nach Hause zu laufen. Aber dann wollten ihn die Polizisten auf einmal verhaften. Er wehrte sich, riss sich los, entwand einem der Polizisten den Taser und floh, wobei er den Taser abfeuerte. Darauf erschoss ihn einer der Polizisten aus fast 16 Metern mit 2 Schüssen in den Rücken. Sein Kollege stellte sich auf die Schultern von Brooks, als der noch mit dem Tod rang. Keiner der beiden Polizisten unternahm etwas, um Brooks‘ Leben zu retten. Der Schütze ist jetzt des Mordes angeklagt. In seinem Kommentar nahm Trevor Noah den meist von Weißen geäußerten Vorwurf auf, wenn die Person sich anders verhalten hätte, wäre sie noch am Leben. Der oder die Ermordete hätte also Schuld oder zumindest Mitschuld am Tod. Noah erwiderte unter Anspielung auf verschiedene Todesfälle von Afroamerikanern: „Die Menschen sagen immer das Gleiche: Wenn du das nicht getan hättest, wärst du noch am Leben. Aber in Wahrheit verändern sich die ‚wenns‘ andauernd. Wenn du dich der Verhaftung nicht widersetzt hättest, wärst du noch am Leben. Oder wenn du nicht vor den Polizisten weggerannt wärst, wärst du noch am Leben. Wenn du als 12-Jähriger in einem Park keine Spielzeugpistole gehabt hättest, dann wärst du noch am Leben. Weißt du was, wenn du keinen Kapuzenpullover getragen hättest, wärst du noch am Leben. Weißt du was, wenn du den Polizisten nicht widersprochen hättest, wärst du noch am Leben. Wenn du als schwarze Frau nicht in deinem Bett geschlafen hättest, wärst du noch am Leben. – Es gibt einen roten Faden hinter all diesen ‚wenns‘: Wenn du nicht schwarz wärst, wärst du vielleicht noch am Leben.“

(Übersetzung Pfarrer Andreas Schiel)