Rassismus in den USA 57 Jahre nach Martin Luther Kings Rede,

„Ich habe einen Traum“

 

Als am 28. August 1963 der große Marsch auf Washington mit Hunderttausenden schwarzer und weißer Teilnehmender seinen Zielort erreichte, da war das große gemeinsame Ziel des Kampfes für Bürgerrechte die Herstellung von Gerechtigkeit und Gleichheit für die Menschen aller Hautfarben.

Hinter dieser Sehnsucht und den Forderungen stand ein ganzes Zeitalter von Sklaverei und zum Himmel schreiendem Leid, von Rassismus, Diskriminierung und immer wieder gewalttätiger Exzesse gegen schwarze Menschen. Zum anderen aber stand dahinter das große Versprechen, dass dieses Amerika ein Land der Freiheit und der Demokratie für alle seine Bürger sein sollte.

An dieses Versprechen knüpft Martin Luther King an diesem Tag in seiner wohl berühmtesten Rede bei der großen Kundgebung vor dem Lincoln-Memorial an. Er trifft die Erfahrung seiner schwarzen Landsleute genau: „… der Schwarze (ist) noch immer hingeworfen in die Ecken der Amerikanischen Gesellschaft und erkennt, dass er in seinem eigenen Land im Exil lebt.“

Der Traum, von dem King nun spricht, ist der Traum, den das amerikanische Versprechen in die Herzen der Menschen gepflanzt hat – der Traum von Gerechtigkeit und Frieden, von der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und von der Achtung der Würde eines jeden einzelnen. Es ist der Traum von dem Tag, „an dem sich kleine schwarze Jungen und Mädchen und kleine weiße Jungen und Mädchen die Hände als Brüder und Schwestern reichen können.“

Tatsächlich hat die damalige Bürgerrechtsbewegung viel erreicht, doch 5 Jahre später war Martin Luther King tot. Ermordet mitten in einer politischen Kampagne. 2009 wurde der erste schwarze Präsident vereidigt, doch das große Übel des Rassismus lebt bis heute fort.

Im Jahr 2020 erleben die USA den größten Aufstand und die gewalttätigsten Unruhen seit Jahrzehnten; und ihre Ursache ist, wie es Martin Luther King auch in dieser Situation sicherlich wieder formuliert hätte, der teuflische Rassismus. Anders ist der Totschlag des US-Bürgers George Floyd durch Polizeigewalt nicht zu erklären. Und was bisher ganz undenkbar schien: die eigene Regierung und der Präsident selbst lassen sich dazu hinreißen, die Gewalt noch anzuheizen und die Gesellschaft zu spalten.

Die Welt scheint nicht weit genug gekommen zu sein in der Überwindung von Rassismus und Gewalt – weder in den USA noch in Europa und auch nicht bei uns in Deutschland. Darum bleiben die Worte Martin Luther Kings für die gesamte zivilisierte Welt jeden Tag gültige Sehnsucht: jetzt ist die Zeit, um Gerechtigkeit zu einer Wirklichkeit für alle Kinder Gottes zu machen. Diese Zeit ist immer. Auch im Sommer 2020.

Pfarrer i.R. Ulrich Helm