Veröffentlicht von Jost Fleige am Mi., 23. Dez. 2020 21:20 Uhr

Musikalischer Weihnachtsgruß auf youtube


Gedanken zum „Wiegenlied der Sionitin“ von Johann Theile und der Geburt Jesu im Stall von Bethlehem.
von Pfarrer Andreas Schiel, Evangelische Kirchengemeinde in der Gropiusstadt – Weihnachten 2020.

Haben Sie einige der Kostbarkeiten erkannt, die Johann Theile in seinem Wiegenlied “Nun, ich singe, Gott, ich knie” erwähnt? An Blumen werden Tulpen, Nelken, Amarinth, an Gewürzen Lorbeer, Rosmarin und Majoran genannt. Mit Perle, Diamant und dem Herzkarfunkelstein, einem roten Edelstein, wird das Jesuskind in einer anderen Strophe verglichen. Sogar mit einem damals besonders geschätzten Wein aus Alicante. Was für eine Pracht an Blumen, Gewürzen, Edelsteinen und Weinen, oft aus weit entfernten Gegenden, die Johann Theile in seinem Wiegenlied aufzählt, um so Jesu Einzigartigkeit hervorzuheben. Weil Jesus Gottes Sohn ist, sind die größten Kostbarkeiten, die den Menschen damals bekannt waren, gerade gut genug, um ihn zu beschreiben. 

Andere Dichter betonen auch, Jesus hätte nicht unter so ärmlichen Umständen im Stall zur Welt kommen müssen, wenn er nur bei ihnen geboren worden wäre. Stattdessen hätte man ihn verwöhnt. So dichtete Werner Bergengruen in seinem „Kaschubischen Weihnachtslied“:

„Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!
Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen,
wärst auf Daunen weich gebettet worden.

Nimmer wärst du in den Stall gekommen,
dicht am Ofen stünde warm dein Bettchen,
der Herr Pfarrer käme selbst gelaufen,
dich und deine Mutter zu verehren.

Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!
Müßtest eine Schaffellmütze tragen,
blauen Mantel von kaschubischem Tuche,
pelzgefüttert und mit Bänderschleifen.“

In unseren Weihnachtsliedern wird das etwa in Paul Gerhardts Lied „Ich steh an deiner Krippen hier“ deutlich:

„O dass doch so ein lieber Stern soll in der Krippen liegen!
Für edle Kinder großer Herrn gehören güldne Wiegen.
Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht,
Samt, Seide, Purpur wären recht,
dies Kindlein drauf zu legen.

Nehmt weg das Stroh, nehmt weg das Heu, ich will mir Blumen holen,
dass meines Heilands Lager sei auf lieblichen Violen;
mit Rosen, Nelken, Rosmarin
aus schönen Gärten will ich ihn von oben her bestreuen.“ 

 

Seit jeher hat der offensichtliche Widerspruch, dass Gottes Sohn in einem Stall und nicht in einem Palast zur Welt kommt, die Menschen nicht ruhen lassen. Im Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach wird das in einem Wechselgesang zwischen dem Chor und der Bassstimme sehr schön sichtbar:

„Er ist auf Erden kommen arm,

            Wer will die Liebe recht erhöhn,

            Die unser Heiland vor uns hegt?

Dass er unser sich erbarm,

            Ja, wer vermag es einzusehen,

            Wie ihn der Menschen Leid bewegt?

Und in dem Himmel mache reich

            Des Höchsten Sohn kommt in die Welt,

            Weil ihm ihr Heil so wohl gefällt,

Und seinen lieben lieben Engeln gleich. Kyrieleis.

            So will er selbst als Mensch geboren werden.“

Dieser Widerspruch, dass der „Sohn des Höchsten auf Erden kommen arm“ ist und nicht standesgemäß geboren wird, wird in der folgenden Arie noch verstärkt, wenn der Bass singt:

„Großer Herr und starker König,

Liebster Heiland, o wie wenig

Achtest du der Erden Pracht!

Der die ganze Welt erhält,

Ihre Pracht und Zier erschaffen,

Muß in harten Krippen schlafen.“

 

In den Edelsteinen und damals zum großen Teil exotischen, also kostbaren Blumen wird die Verehrung der Menschen zum Ausdruck gebracht. Daher rührt auch die Überzeugung, Jesus müsste eigentlich im Königspalast geboren werden, wie es dem „Sohn des Höchsten“ gebührt. „Für edle Kinder großer Herrn gehören güldne Wiegen.“ Und wenn es schon die Krippe sein muss, in die er gelegt wird, dann soll sie wenigstens mit „Samt, Seide und Purpur“ ausgekleidet oder mit „Daunen“ gepolstert werden. Alles, was kostbar und wertvoll ist, wird Gottes Sohn angeboten. So groß ist die Liebe zu ihm. Dementsprechend groß ist deshalb auch die Verwunderung über den Stall und die widrigen Umstände seiner Geburt, die immer wieder geäußert wird. Warum also Stall und Krippe?

 

Gottes Antwort ist einfach: Gerade weil ich die Menschen liebe, kommt mein Sohn im Stall zur Welt, werde ich mitten unter den Armen des Volkes Mensch. „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids“, verkündet der Engel den Hirten. Es geht Gott um alles Volk, also um alle Menschen und nicht nur um einige wenige, etwa die Privilegierten, die sonst oft zuerst drankommen. Niemand soll ausgeschlossen oder übersehen werden. Das droht in unserer Welt aber als erstes den Armen, den Ausgestoßenen, den Außenseitern. Die Menschen, die weder über Macht oder Einfluss in der Welt verfügen, bleiben oft zuerst auf der Strecke. Wäre Jesus im Palast des Königs Herodes auf die Welt gekommen, die Hirten auf dem Feld bei Bethlehem hätten nie die Möglichkeit gehabt, zu ihm zu gelangen. Wäre er am Königshof aufgewachsen, wäre er wohl nie zum See Genezareth gekommen, um seine Jünger unter Fischern wie Petrus und Andreas, Johannes und Jakobus zu finden. Der Weg von den prächtigen Räumen eines Palasts zu den Straßenecken, an denen die Armen und Kranken kauern und um Hilfe betteln, ist unendlich weit. Wie hätte Jesus als Sohn des Königs zu ihnen finden können, wenn er immer seinen Hofstaat um sich gehabt hätte? Und so hätten die Menschen, die sich einst in Galiläa versammelten, nie gehört, wie Jesus die Armen, Hungernden und Weinenden „selig“ nennt und ihnen zuruft, sie könnten tanzen, „denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel“ (Lukas 6, 20 – 23).

Das ist der große Unterschied zwischen Jesus und dem Kaiser Augustus, der im römischen Kaiserkult zur gleichen Zeit auch „Gottes Sohn“ (nämlich der des „göttlichen Cäsar“) und „göttlicher Augustus“ genannt wurde. Und wenn die Engel auf dem Feld von Bethlehem Gott loben, „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens“, dann ist ein anderer Friede gemeint als die „Pax Romana“. Diesen Frieden hatte Kaiser Augustus mit seinen Legionen errungen und mit militärischer Macht an den Grenzen des römischen Reichs verteidigt. Der Friede, von dem die Engel bei Jesu Geburt singen, ist von ganz anderer Art. Gottes Friede ist gewaltlos und verändert doch die Welt, weil er die Herzen der Menschen verändert. Er wird nicht mit Waffengewalt erzwungen, sondern an ihm wirken Menschen mit, von denen Jesus sagt: „Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Deshalb also der Stall, die „harte Krippe“ und die Hirten, die des Nachts nicht ihre eigene Herde hüten, sondern die eines Besitzers aus Jerusalem oder anderswo.

 

„Schlaf, ich will dich sanfte wiegen

und mit grünem Majoran

bei der Ruhe dich vergnügen,

schlaf beim Hirtendulzian,

Erdenheiland, Gnadenthron,

schlaf, Herr Jesu, Gottes Sohn.“

Mit dieser Strophe endet das „Wiegenlied der Sionitin“. Gottes Sohn, der Retter der Erde, der ihr und uns Menschen das Heil bringt, wird wie jedes Neugeborene von seiner Mutter in den Schlaf gesungen. Es ist diese Spannung zwischen dem „Sohn des Höchsten“ und dem schutzlosen Baby in der Krippe, die Jesu Geburt ausmacht. Gott kommt zu uns im Jesuskind – und zwar nicht nur einmal vor über 2.000 Jahren, sondern auch heute, wenn wir seine Geburt feiern und mit alten und neuen Liedern und Texten und eigenen Gedanken uns diesem Geheimnis nähern. Gott kommt zu uns, damit wir unseren Weg zu ihm finden. „Gottes Sohn wurde Mensch, damit der Mensch seine Heimat habe in Gott.“ (Hildegard von Bingen)

Amen.

 

„Wiegenlied der Sionitin“ von Johann Theile, Text

 

1. Nun, ich singe, Gott, ich knie,

schlaf, du Wunder-, Wunderkind,

Jesulein, nun sonder Mühe, ,

was mein Geist dir angezündt.

Nimm den Wiegenton von mir,

schlaf bei solchem, meine Zier.

 

2. Schlaf, mein Seelchen, ich will holen,

Tulpen, Nelken, Amarinth,

Tausendschönchen, Feldviolen,

schlaf, du wertes Menschenkind.

Allerliebstes Jesulein,

schlaf bei solchen Blumen ein.

 

3. Schlaf, mein Lorbeer, schlaf, mein Röschen,

schlaf, mein grüner Rosmarin,

schlaf in meinem sanften Schößchen,

schlaf, mein schimmernder Jasmin,

schlaf, mein süßer Hyazinth,

schlaf, du zartes Jungfrau‘n Kind.

 

4. Schlaf, du Perle, schlaf, mein Jaspis,

schlaf, du günstiger Rubin,

schlaf, mein Demant, schlaf, mein Sardis,

schlaf, mein heller Chrysolin,

schlaf, mein Herzkarfunkelstein,

schlaf, mein Amethystchen, ein.

5. Schlaf, mein Nektar, schlaf, mein Leben,

schlaf, mein süßer Alicant,

schlaf, du grüner Lebens Reben,

schlaf auf jedes Menschen Hand,

schlaf, mein süßes Kind in Ruh,

tu die schönsten Augen zu.

6. Schlaf, ich will dich sanfte wiegen

und mit grünem Majoran

bei der Ruhe dich vergnügen,

schlaf beim Hirtendulzian,

Erdenheiland, Gnadenthron,

schlaf, Herr Jesu, Gottes Sohn.

 

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